Best Practice: Kammermusik in Zeiten von Corona

Dass der Einzelunterricht auch über digitale Kanäle und in Zeiten von Corona funktioniert – davon konnten sich viele an der Universität Mozarteum Salzburg bereits überzeugen: Lehrende lassen sich von Studierenden Videos schicken (Repertoirestücke, Etüden, Tonleitern etc.) und kommentieren sie. Im Anschluss schicken die Studierenden die korrigierten, verbesserten Fassungen noch einmal an die Lehrenden. „Das bewährt sich sehr gut, die Studierenden sind gefordert, gute Qualität abzuliefern“, erzählt der stellvertretende Leiter des Departments für Streich- und Zupfinstrumente Thomas Riebl.

Doch wie geht man mit Unterricht im Bereich Kammermusik um, bei dem naturgemäß mehrere Musikerinnen und Musiker zusammenspielen, was aufgrund von Latenzproblemen der meisten Videokonferenztools aber (noch) nicht möglich ist? Leonhard Roczek, Leiter des Institutes für Kammermusik gibt Tipps, wie man sich den Werken auch auf theoretischer Ebene nähern kann.

Wie kann man sich Kammermusikwerken auf theoretischer Ebene nähern?


Abhängig von Repertoire, Besetzung, verfügbarem Material und sprachlichen Voraussetzungen bieten sich sehr unterschiedliche und vielseitige Herangehensweisen an, sich den ausgewählten Werken auf einer theoretischen Ebene zu nähern.

Interpretationsvergleich
Besonders bei bekannten Werken ist ein Interpretationsvergleich spannend! Spotify und Co. bieten Zugriff auf zahlreiche relevante Aufnahmen. Man wählt 3 bis 5 Einspielungen (z. B. aus verschiedenen Jahrzehnten oder unterschiedlichen Kulturkreisen) aus, vergleicht sie in Bezug auf Tempo, Klanggebung, Artikulation, Balance, Phrasierung und Interpretation im Allgemeinen und diskutiert die Unterschiede.

Werk-Entstehungsgeschichte

Weiters kann es sehr bereichernd sein, sich mit Hintergrundinformationen zum Komponisten und zur Entstehungsgeschichte eines Werkes zu befassen. Neben den bekannten Enzyklopädien des Internets möchte ich gerne auf die Website des Altenberg Trios verweisen, wo Claus-Christian Schuster – ehemaliger Pianist des Klaviertrios – unter Archiv/Texte eine umfangreiche Sammlung an hervorragenden Texten zu vielen wichtigen Werken der Klavierkammermusik zur Verfügung stellt.

Formale Struktur
Das genaue Lesen der Partitur lässt uns das Werk in seiner formalen Struktur besser begreifen. Handelt es sich um eine Lied-, Rondo-, Variations- oder Sonatenform? Wo sind Durchführung und Reprise, welche Themen werden vorgestellt und wie werden sie verarbeitet?

Originale Tonbeispiele
Basieren Kammermusikwerke auf Volkstänzen oder volksmusikalischen Melodien, lohnt es sich zum Beispiel, nach originalen Tonbeispielen zu suchen und mitunter exotische Instrumente kennenzulernen. YouTube und Co. lassen uns hier nicht im Stich.

Studium der Originalwerke
Handelt es sich bei einem Kammermusikwerk um ein Arrangement von beispielsweise einem Orchesterwerk, empfiehlt sich ein Studium des Originalwerks. Wann repräsentiere ich welches Instrument? Wie kann ich diesem Klangideal auf meinem Instrument gerecht werden?

Je nach Ausgangslage sind unterschiedliche Ansätze sinnvoll. Vorworte und kritische Berichte der Partituren, das Internet im Allgemeinen und auch die digitalen Ressourcen unserer Universitätsbibliothek im Speziellen sind große Hilfen bei der Erforschung der zu erarbeitenden Werke. Wenn wir diesen Denkansätzen mit Kreativität und Neugier begegnen, bin ich überzeugt, dass wir in den nächsten Wochen noch viele interessante Entdeckungen machen werden.