Ulrich
Heimlich
Einführung in die Spielpädagogik
Eine Orientierungshilfe für sozial-, schul- und
heilpädagogische Arbeitsfelder
2., überarbeitete und
erweiterte Auflage. - Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2001 (1. Auflage 1993).
270 S.
Buchrezension von Martin Schelm
Wer sich vom Titel dieses Buches eine Vorstellung unterschiedlicher spielpädagogischer Konzepte erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr erwartet den Leser die recht umfassende Darstellung eines bestimmten Konzeptes, das man im Sinne des Autors wohl als „ökologische Orientierung“ (Achtung: keine vorschnellen Assoziationen zum Adjektiv!) bezeichnen darf. Ulrich Heimlich gibt jedoch tatsächlich eine Einführung in die Spielpädagogik insofern, als er verschiedene Aspekte dieses Bereiches der Pädagogik beleuchtet. Dabei bleibt er durch zahlreiche Beschreibungen konkreter Spielsituationen nahe an der Praxis.
Multidimensionalität des Spiels
Heimlich
schränkt den Spielbegriff bewusst auf eine „spezielle menschliche Tätigkeit“
(S. 19) ein, um ein konkret beobachtbares und damit sowohl seiner Erforschung
als auch pädagogischen Handlungsweisen zugängliches Phänomen vor Augen zu
haben. Gleichzeitig betont er die unlösbare Verschränkung dieser Tätigkeit mit
dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext und lässt Spiel so als spezielle „Interaktionsform mit Objekten und
Personen seiner Umwelt“ (S. 19) gelten.
Das
Spezielle dieser Tätigkeitsform beschreibt er anhand der spieltheoretischen
Entwürfe von John Dewey und Lev S. Vygotskij, die beide den Aspekt der
Phantasie in den Mittelpunkt rücken, aber auch den spontanen, selbstgesteuerten
Charakter der Spieltätigkeit betonen.
Zur Unterscheidung der Spieltätigkeit von anderen Tätigkeiten folgt er dem amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Levy, der keine eindeutige, sondern eine „tendenzielle“ Begriffsdefinition vorlegt: Je eher bei einer bestimmten Tätigkeit die intrinsische Motivation gegenüber der extrinsischen überwiegt, das Phantasieelement gegenüber der Realität und die Selbstkontrolle gegenüber der Fremdkontrolle, desto wahrscheinlicher handelt es sich bei dieser Aktivität um Spielen.
Ulrich
Heimlich versucht, diese kindliche Spieltätigkeit unter möglichst vielen
Perspektiven zu betrachten, um eine pädagogische Einflussnahme qualitätvoll zu
gestalten, – sie seiner Ansicht nach überhaupt erst möglich zu machen, da die
Spieltätigkeit und die Spielentwicklung von Kindern und Jugendlichen nur in
dieser ihrer Multidimensionalität erfasst werden können. Spiel ist eben nicht
nur für die sensomotorische, oder die emotionale, oder die kognitive oder die
soziale Entwicklung des Kindes von Bedeutung, sondern für alle diese Bereiche.
Heimlich plädiert daher dafür, die Perspektive der Psychologen zu verlassen und
statt dessen direkt einen pädagogischen Bezugspunkt zu wählen.
Als
Beispiel dafür führt er unter anderen das Konzept von Sigurd Hebenstreit an,
der durchwegs jedes menschliche Verhalten als Einheit von emotionalen,
kognitiven und sozialen Aspekten versteht und die Aufgabe der Pädagogik darin
sieht, in all diesen Bereichen Ausgleiche zwischen Ansprüchen des Kindes und
jenen seiner Umwelt zu schaffen. Er kommt daher zu dem Schluss, dass, wenn ein
Zusammenhang zwischen Spiel und emotionaler, kognitiver sowie sozialer
Entwicklung besteht, eine Förderung dieser Entwicklungsbereiche durch eine
Anregung des kindlichen Spiels ebenfalls möglich sein muss, und dass es daher
notwendig ist, möglichst vielfältige Verhaltensaspekte des kindlichen Spiels
für spielpädagogische Handlungsmöglichkeiten zu berücksichtigen.
Ökologische Orientierung
Für
Heimlich kommt eine Spieltheorie, die für die Spielpädagogik relevant sein
will, jedoch nicht darum herum, diese multidimensionale Betrachtung der Spieltätigkeit selbst auf die gesamte Spielsituation zu erweitern, da Spiel
niemals von der ökosozialen Umwelt des Spielers losgelöst werden könne. Als
Dimensionen arbeitet er Leiblichkeit
(Spielen ist immer Spielen mit Bewegung), Perpektivität
(Spielen mit Perspektiven) Dinglichkeit
(Spielen mit den Sinnen), Räumlichkeit
(Spielen mit Räumen und Dingen), Historizität
(Spielen mit der Zeit) sowie Sozialität
(Spielen mit anderen) heraus.
Spielpädagogische
Tätigkeit müsse ihren Anfang in einer solchen multidimensionalen und ökologisch
orientierten Analyse von Spielsituationen nehmen, und diese Spielsituationen
seien stets als offene und werdende Situationen zu verstehen. So betrachtet
richtet sich die Tätigkeit der Spielpädagogin bzw. des Spielpädagogen primär
auf die Gestaltung der (Spiel-) Umwelt, um Kindern die Chance zu bieten, ihre
Lebenswelt in personaler, sozialer und ökologischer Hinsicht selbst
phantasievoll umzugestalten, – zu spielen.
Spielpädagogisches Handeln
Ein
Blick auf die aktuelle Lebenssituation der Kinder (Verstädterung,
Spielwarenindustrie, Internet) belegt für den Autor die Notwendigkeit einer Einflussnahme auf das kindliche Spiel.
Ergebnisse der empirischen Spielinterventionsforschung (Johnson, Christie,
Yawkee) belegen für ihn die Möglichkeit
einer solchen spielpädagogischen Tätigkeit.
Diese
definiert er als „... Tätigkeiten ...,
die zu einer Ermöglichung, Anregung und Unterstützung des kindlichen Spiels
beitragen, ohne dass dessen spontaner, phantasiebezogener und
selbst-kontrollierter Charakter verloren ginge“ (S. 185). Die
grundsätzliche Bedeutung des Spiels für die kindliche Entwicklung wird hier
also vorausgesetzt, aber nur mittelbar als das Ziel der Spielpädagogik gesehen,
– unmittelbar geht es einfach um die Förderung des Spiels bzw. der Fähigkeit zu
spielen.
Das
Grundmuster solcher Tätigkeiten wird als „aktive
Passivität“ bezeichnet und sei durch die Prinzipien der Multidimensionalität, der Akzeptanz und der Situationsgestaltung ausgezeichnet. Die Formen spielpädagogischen
Handelns reichen nach Heimlich von der Unterstützung des Spiels (Gewährleistung
entsprechender Bedingungen wie Zeit, Raum und Material, sowie Abwehr
spielschädigender gesellschaftlicher Einflüsse wie Kriegsspielzeug, Fernsehen,
bzw. Aufzeigen von Alternativen) über die gezielte Spielförderung
(Hilfestellung bei Auswahl von Material, Ort, Ausdehnung, Mitspieler usw., aktive
Einflussnahme erst bei drohendem Scheitern des Spiels) bis hin zur
spielerischen Einkleidung (Einbindung des Spiels in Lernprozesse als Mittel der
Motivation, – und damit nach Heimlich eigentlich nur Spielpädagogik im weiteren
Sinn).
Spielpädagogische Praxis
In
weiterer Folge geht Heimlich konkreter auf Beobachtung, Planung und Reflexion
sowie auch auf heil- und sonderpädagogische Aspekte ein und zeigt immer wieder
anhand von praktischen Beispielen, wie dies in der Realität aussehen könnte.
Dabei steht seinem Ansatz entsprechend das Moment der Selbsttätigkeit und
Kreativität im Mittelpunkt, dh. es geht immer wieder um möglichst vielfältig
einsetzbare Materialien (zB. Kartons), von Kindern bereits mitgestaltete
(Innen- und Außen-) Räume, nur grob strukturierte Zeitpläne, Spielaktionen mit
möglichst vielen Optionen, kurz: um Alternativen zu den herkömmlichen
Standardspielplätzen, den Kindergarteneinrichtungen von der Stange, den
durchorganisierten Hort-Zeitplänen, den üblichen „Auf-gar-keinen-Fall-Computer-sondern-unbedingt-Holz-Spielwaren“
usw.
Kommentar
Ausgehend
von seiner Definition der Spieltätigkeit (intrinsische Motivation, Phantasie,
Selbststeuerung) meint Heimlich, die Intensität und die Qualität kindlichen
Spiels von außen beobachten, beurteilen und in weiterer Folge positiv
beeinflussen zu können. Dabei versucht er zwar weitgehend, sich von einer klassischen Erwachsenensichtweise zu
lösen (z.B. durch eine recht differenzierte Betrachtung neuer Medien),
muss aber naturgemäß bei einer Position bleiben, in der der Pädagoge
(professionell oder nicht) es besser weiß.
Wenn
man auch nach herkömmlichen Kinderspielen vergeblich Ausschau hält, schimmern
daher doch immer wieder auch weitgehend erwachsenengesteuerte und spielfremde
Zwecke durch. So ganz kann sich auch der Heimlichsche Spielpädagoge mitsamt
seinen persönlichen Vorstellungen von gelungenem, „schönen“ Spiel nicht aus
Rahmenhandlung (z.B. in Form eines Mottos), Regeln usw. eliminieren, und das
obwohl der Autor selbst vor dieser Gefahr der Pädagogisierung des kindlichen
Spiels warnt.
Für
den praktisch tätigen Pädagogen bietet dieses Buch zahlreiche Anregungen, den
starren, durchorganisierten Kinderalltag aufzubrechen und statt dessen mehr
Freiräume für die Entfaltung kindlicher Phantasie, Kreativität und
Selbststeuerung zu eröffnen. Darüber hinaus ist das Buch eine gute Einführung
in den entsprechenden theoretischen Hintergrund.
Für
den eher theoretisch interessierten Leser handelt es sich bei dieser
„Einführung“ doch eher um ein Konzept neben anderen, das allerdings klar und
rund dargestellt ist.
Alles
in Allem kann Heimlich mit seinem Werk die Tradition „klassischer“
spielpädagogischer Literatur der 80er-Jahre (Karl Josef Kreuzer „Handbuch der
Spielpädagogik“ Schwann 1983; Ulrich Baer „Wörterbuch der Spielpädagogik“ Lenoz
1981), – ähnlich wie zB. Erdmute Partecke („Kommt, wir wollen schön spielen“
Juventa 2002), – wesentlich weiterentwickeln, sich aber doch nicht so weit von
einer pädagogischen Vernutzung distanzieren, wie dies beispielsweise Christoph
Riemer und Benedikt Sturzenhecker („Playing Arts“ Triga 2002) mit ihrem
innovativem Konzept erreichen.