(leicht
veränderte Fassung, erschienen in BDK-Mitteilungen 2/06, S.40)
Die Frage „Was ist Kunst?“
beschäftigt Philosophie und Kunstsystem seit über 200
Jahren, neben der Qualitätsfrage ist sie zentral für den
Kunstdiskurs und trägt so dazu bei, dass das Kunstsystem
aufrechterhalten wird – Systeme erhalten sich durch Kommunikation.
„Was ist Kunst?“ war 2002 der Titel des 162. Bandes von
Kunstforum International.
Drei Jahre später 2005 stellt Wolfgang Ullrich mit seinem neuen Buch:
Wolfgang Ullrich: Was war Kunst? Biographien eines Begriffs. Frankfurt a. Main (Fischer Taschenbuch Nr.16317) 2005; 281 S.; 13,90€; ISBN 3-596-16317-x
diese Frage im Präteritum. Er untersucht die Kunst entlang der Geschichte von elf für den Kunstbegriff zentralen Denkformeln. Wie menschliche Lebensläufe ist deren Entwicklung weder geradlinig noch genau vorhersagbar, Zufälle und historisch Notwendigkeiten beeinflussen ihre Existenz und Verwendung, der Autor nennt sie deshalb Biografien. Mit Biografien werden am Ende oder nach einem Leben geschrieben. Der Untertitel des Buches impliziert, dass die Kunst zu Ende geht oder schon am Ende ist, zumindest die Kunst, wie wir sie in den letzten 400 verstanden haben.
Der Autor muss einen riesigen Zettelkasten und eine extrem feine Spürnase für sein Thema haben. In z. T. sehr entlegenen Publikationen findet er die ersten Nennungen der jeweiligen Slogans. Etwa „L’art pour l’art“, das schon 1804 ein französischer Schriftsteller und Politiker in Weimar nach seinem Zusammentreffen mit Friedrich Schiller in seinem Tagebuch notiert. Oder den „Erweiterten Kunstbegriff“: Dieser für Joseph Beuys und seine Adepten zentrale Begriff taucht als „Erweiterung des Begriffs der Kunst“ zum ersten Mal in einem Interview im Parteiorgan der CSU, dem Bayernkurier auf, allerdings bringt den Begriff nicht Beuys, sondern sein Interviewpartner Manuel Thomas ins Spiel.
Line of Beauty and Grace, Edle Einfalt und stille Größe, delectare et prodesse, das unschuldige Auge, Kunstwollen oder Ende der Kunst sind weitere Slogans, die untersucht und deren Geschichte erzählt wird. Die verschiedenen Formeln werden von den ersten Nennungen bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie aufhören, in der Diskussion eine Rolle zu spielen, begleitet und erläutert; so entsteht das Bild des modernen Kunstbegriffs, der offensichtlich das Ergebnis einer nicht immer einheitlichen Struktur von Formeln und Ordnungsbegriffen ist – vielleicht einer der Gründe, warum viele immer noch glauben, Kunst ließe sich nicht definieren.
Das Buch ist leicht zu lesen und für Kunstinteressierte ausgesprochen spannend und informativ, immer wieder schlagen die jeweiligen Formeln neue Haken und bringen so Anregungen für das Denken über Kunst. Die Texte enthalten dicht gepackte Informationen und funktionieren wie Lexikonartikel, man kann sie in beliebiger Reihenfolge lesen, formuliert sind sie wie Essays, was die Lektüre auch zu einem erheiternden Abenteuer machen kann. Dieses Buch könnte Vorbild sein für ein anderes mit dem Titel „Was war Kunsterziehung?“. Auch hier könnte sich der Autor an bestimmten Formeln entlang hangeln.
Wegen seiner Materialfülle, den direkt oder indirekt aufgeworfenen Fragen und des Schreibstils ein Buch für Kunsterzieherinnen und Kunsterzieher und für deren Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe.
Franz Billmayer