Franz Billmayer
Der Text entstand für den Reader zur Vorbereitung der Tagung MenschKunstBildung in Leipzig (11.- 13. März 2005) für die Sektion Bildungsstandards
pdf-version

Ob Bildungsstandards oder ob nicht – ist für den Pflichtunterricht entschieden
Der Kunstunterricht findet an Regelschulen statt und gehört an den meisten Schulen zu den Pflichtfächern. Die Schulpflicht wird mit Polizeigewalt durchgesetzt. Sie lässt sich letztlich nur dann rechtfertigen, wenn das, was in dem jeweiligen Fach gelernt wird, so wichtig ist, dass die Freiheitsberaubung hingenommen werden kann. Wenn das aber so wichtig ist, dass es den Polizeieinsatz rechtfertigt, dann handelt der Lehrer bzw. die Lehrerin grob fahrlässig, die oder der nicht mit allem Mitteln dafür sorgt, dass alle Schülerinnen und Schüler entsprechendes lernen. Wenn es nicht so wichtig und damit beliebig ist, dann rechtfertigt es den Freiheitsentzug nicht. Um sicher sein zu können, dass alle entsprechendes gelernt haben, muss es Methoden geben, die angeben, ob das erreicht wurde und wo noch Defizite sind. Ziel von gesteuertem Lernen (Schule, Unterricht) sind Verhaltensänderungen (Output), die in entsprechenden Situationen angemessenes Handeln ermöglichen. Offensichtlich gibt es mehr oder weniger Wichtiges, so dass eine Wahl getroffen werden muss. Es kann nicht ausreichen, dass die Kinder und Jugendlichen irgendetwas gelernt haben. Die Freiheitsberaubung legitimiert sich nicht dadurch, dass lediglich Erfahrungen (Input) angeboten werden.
Forderungen nach Output stellen berechtigterweise nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch der Staat, der die ganze Sache bezahlt, und die anderen Fächer, die um Anteile an den Stundentafeln und um die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler konkurrieren.

Ist die sog. ästhetische Erfahrung nur im freiwilligen Unterricht zu legitimieren?

Welche Bildungsstandards sollen formuliert werden? Wie lassen sie sich legitimieren?
Es geht um eine Art Wurzelwissen, das die Voraussetzung für die meisten Detailkenntnisse bildet. Das Wurzelwissen verändert sich auch, es entsteht neues, anderes erweist sich als unhaltbar oder besser unzureichend; einiges verändert sich schneller, anderes langsamer. Aber es gibt dieses Wissen, älteren oder neueren Datums, und es gibt jeder Wissensmenge einen inneren Zusammenhang.
Wer sagt, dass Wissen heute eine verderbliche Ware sei, habt nicht das Wurzelwissen im Auge, sondern das Laubwerk, das die Bäume jeden Herbst abwerfen.
In allen Ausbildungen ist das Wurzelwissen wesentlich, nicht die schnell veränderlichen Details. Eine derartige Aussage hat nichts mit dem konservativen Kriegsruf back to basics zu tun. Sie impliziert also nicht die Vorstellung, dass es einen Satz Disziplinen gäbe, die gewisse Grundfakten beinhalten, die jeder gute Schüler beherrschen sollte. Eher geht es darum, dass jede Ausbildung das Schwergewicht auf das legen sollte, was auch Orientierung geben in einer Zukunft, in der sich so viele Fakten unablässig verändern.“
(Sven-Eric Liedman, Ett oändligt äventyr, Stockholm 2002 S. 17)


Mögliche (Minimal-)Standards im Bereich des Verstehens von Bildern:
Die Schülerin/der Schüler
.... kann Bilder beschreiben und benennen, was drauf ist.
.... kann zu Bildern persönliche Assoziationen finden.
.... kann Unterschiede in der Machart und Funktion von Bildern unterscheiden und benennen.
.... kann bei Bildern kulturelle Assoziationen finden und benennen.
.... kann benennen, welche Intentionen der Bildhersteller und der Bildverwender mit einem bestimmten Bild verfolgte.
.... kann den Einfluss von Bildaufbau, Machart und Kontext auf die Wirkung von Bildern zeigen und erklären.
.... kann beschreiben wie Bilder unter den Bedingungen des Kunstbetriebs und des Kunstbegriffs benützt werden. Welchen Jahrgängen die einzelnen Stufen zuzuordnen sind, muss untersucht werden.
Gefahr: es könnte sich herausstellen, dass vieles von dem, was da angeführt wird, nicht unterrichtet zu werden braucht, weil es im Leben sowieso gelernt wird.
Der aktuelle Kunstbegriff ist für die Regelschule nicht anzustreben, da aus entwicklungspsychologischen Gründen wohl nicht erreichbar.

Bildungsstandards als Steuerungsdokumente entstandardisieren den Unterricht: wenn die SchülerInnen das Wissen und die Fertigkeiten im Februar schon erreicht haben, die im Juli erwartet werden, dann ....

Literatur:
Parsons, Michael J., Blocker, H. Gene 1993: Aesthetics and Education, Urbana and Chicago (University of Illinois Press)