KUNSTERZIEHUNG ALS DIENSTLEISTUNG
(Vortrag an der Akademie der Bildenden Künste, München im November 1997 im Rahmen eines Symposiums zu Stellung und Funktion von Kunsterziehung)
Kunsterziehung ist Teil der Schule, damit Teil des Bildungswesens und damit Teil des dritten Sektors. Die Dienstleistung der Schule besteht darin, bei den Schülern Veränderungen von Wirklichkeitsmodellen herbeizuführen (gemeinhin als Lernen bezeichnet). Ziel sind Wirklichkeitsmodelle, die es den Schülern und der bezahlenden Gesellschaft erlauben, in der Welt zurecht zu kommen. In den Bildungseinrichtungen werden die wichtigste Ressourcen unserer Wirtschaft erzeugt und gefördert: Kenntnisse, Haltungen und Verhaltensweisen.
Schule bereitet auf die Wirklichkeit vor. Vorbereiten ist auf zukünftige Situationen gerichtet. Die Frage muß also lauten, wie sieht diese Wirklichkeit aus und vor allem, wie wird eine zukünftige Wirklichkeit aussehen, welchen Beitrag zu ihrer "Bewältigung" kann die Kunsterziehung leisten. Wie ist die Produktumwelt beschaffen? Wie muß die Dienstleistung Kunsterziehung sich möglicher Weise ändern, um in ihr nachgefragt zu werden? Welche spezifischen Problemlösungen hat sie anzubieten?
Alle - nicht nur in Sonntagsreden - sind sich einig, daß wir zunehmend in einer Welt der Bilder leben, daß die Bilder zunehmend die Sprache als wichtigstes Medium bei der Weltvermittlung ablösen. Wenn nicht alles täuscht, werden sich diese Tendenzen in Zukunft eher noch verstärken. Die weiter wachsenden Informationsmengen zwingen zunehmend zu Visualisierungen. Die Schule ist allerdings nach wie vor ein Betrieb, dessen Hauptaugenmerk der sprachlichen Ausbildung gilt, Bilder kommen wenn überhaupt nur am Rande vor. Kunsterziehung, das einzige Fach, das sich explizit mit Herstellung und Wirkung von Bildern beschäftigt, hat seinen Schwerpunkt in der Unterstufe, nach der Pubertät, wenn die Schüler sich die Fragen nach der Wirklichkeit stellen, wird das Fach marginalisiert. Kunsterziehung wird so bei der überwiegenden Mehrzahl der Schüler mit Kindheit, Fingerfarben und angenehmem Zeitvertreib konnotiert. Probleme, die sich stellen bestehen darin, "richtig" zeichnen zu können und möglichst keine Themen mit Hilfe des Malkastens lösen zu müssen, weil da die Farben immer in einander laufen. Kunsterziehung hat dauernd mit Legitimierungsproblemen zu kämpfen, in den aktuellen Bildungsdebatten taucht es nicht auf, das obwohl ihr Inhalt die Bilder sind oder sein könnten.
Das Umfeld für die Dienstleistung, die die Kunsterziehung anbietet bzw. anbieten könnte, ist vielleicht noch nie so günstig gewesen, wie momentan. Die Frage drängt sich auf, warum diese Dienstleistung nicht mehr nachgefragt wird. Entweder handelt es sich nicht um das richtige Produkt oder um falsches Marketing.
DAS PRODUKT
Eine Dienstleistung steht und fällt mit den Fähigkeiten und Kenntnissen der Dienstleister. Sie müssen sich dauernd an die veränderten Bedingungen anpassen. Das Besondere an der Dienstleistung Bildung besteht in den Fähigkeiten, die bei der Zielgruppe - den Schülern - erzeugt werden. Das bedeutet, daß die Lehrer logischer Weise über die Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen müssen, die die Schüler brauchen. Die Produktentwicklung muss sich an den Bedürfnissen der Schüler orientieren:
Bilder verstehen. Der Anteil der Bilder an der Wirklichkeitserzeugung ist gewaltig. Die Rolle der Bilder beim Zustandekommen unseres Wissens wird immer wichtiger. Vieles wissen wir nur durch die Vermittlung von Bildern. Bildtheorie ist so ein wichtiger Teil der Erkenntnistheorie heute und in Zukunft. Es ist wichtig zu verstehen, wie Bilder funktionieren, welchen Gesetzmäßigkeiten sie folgen, um zu verstehen, warum die Welt so erscheint, wie sie erscheint. Dazu ist es wichtig, dass die Bilder überhaupt als Problem erkannt werden. Bilder, fotografische zumal, lassen sich relativ leicht rezipieren, denn sie gleichen der Art, wie wir die Welt sehen. Die Bedeutungsdistanz zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist geringer als beispielsweise bei der Sprache bzw. der Schrift. Dass ein Problem besteht, wird deshalb nicht so deutlich gesehen. Kunsterziehung muss sich Kompetenzen aneignen, die dazu beitragen können, die Bilder zu verstehen und zu durchschauen. Hier bestehen erhebliche Schwächen in der Ausbildung, und es besteht großer Forschungsbedarf, aber es gibt durchaus Forschungsansätze und -ergebnisse, die wir uns zunutze machen können: Zeichentheorie, Kognitionstheorie, Kunstgeschichte, Bildsemiotik, Medientheorie, Wahrnehmungspsychologie &c. Kunsterzieher müssen sich nicht nur um die Kunst, sondern auch um die Bilder kümmern, die eine gesellschaftlich relevante Rolle spielen. Hier vor allem muss die Ausbildung der Kunsterzieher verbessert werden.
Bilder verwenden. Die zunehmende Information, die zu verarbeiten ist, zwingt zur Visualisierung. In Zukunft wird es immer wichtiger sein, Sachverhalte mit Hilfe optischer Gestaltung darstellen und vermitteln zu können. Hier liegt eine der Stärken der Kunsterziehung, sie gilt es noch auszubauen und bewußt zu machen.
Eigene Bilder entwickeln. Es gilt zu verstehen, welchen Anteil die Bilder an unserer Wirklichkeitskonstruktion haben und wie wir unsere eigenen Bilder dagegen setzen können. Durch die Bilder aus der Massenkommunikation wird unsere Welt immer einheitlicher, - weitgehend unbemerkt - gleichen sich weltweit unsere Vorstellung einander an. In diesem Zusammenhang erscheint es wichtig, dass wir die Fähigkeiten eigene Bilder zu entwickeln und zu präsentieren nicht verlernen. Auch in diesem Feld liegt eine Stärke der Kunsterziehung und der Kunst generell.
Eine neue Produktfilosofie. Um diese Anforderungen unterzubringen, brauchen wir eine neue Produktfilosofie. Als IBM nach dem zweiten Weltkrieg erkannte, daß ihr Produkt nicht in erster Linie Büromaschinen sind, sondern die Verarbeitung von Information, änderte sich die Unternehmensfilosofie und die Firma entwickelte sich zu dem, was sie heute ist. Für die Kunsterziehung muss der entsprechende Satz lauten: "Der Gegenstand der Kunsterziehung ist die ästhetisch erzeugte Wirklichkeit." Diese neue Filosofie umfasst zum einen alles, womit Kunsterziehung sich bisher beschäftigt hat, zum anderen bezieht sie all das mit ein, was ihre zukünftige Aufgabe sein kann und muss.
Ein neuer Produktname. Der Begriff Kunsterziehung ruft die Vorstellung hervor, dass es sich um Kunst handelt. Dies ist in der Praxis fast nicht der Fall, es sei denn wir legen nach wie vor einen überholten Kunstbegriff zugrunde, nämlich den, der vor 1750 gegolten hat. Verkürzt gesagt: Kunst ist gleich Bilder und Skulpturen mit einem bestimmten Qualitätsanspruch, mehr oder weniger individuell hergestellt. In Wirklichkeit beschäftigt sich der Kunstunterricht damit, die Welt und die eigenen Vorstellungen mit Hilfe von Bildern zu bearbeiten. In dem Moment, wo wir das Fach z.B. Bild + Form o.ä. nennen, ändern sich die Erwartungen der Schüler und Eltern, das Fach erhält damit ein anderes Framing und damit neue Fragestellungen. Probleme brauchen wie alle anderen Dinge, mit denen wir umgehen einen Namen, damit sie sich von anderen Sachzusammenhängen unterscheiden lassen. Das Problem Bild muss als solches benannt werden, dann fängt es an zu existieren.
KONKURRENZ
Wie überall so schläft auch in unserem Bereich die Konkurrenz nicht. Das gesellschaftlich relevante Bild wird Gegenstand der Ausbildung werden (müssen). Wenn wir uns nicht um diese Bildsparte kümmern, werden es andere tun. Die Philologen beschäftigen sich zunehmend vor allem mit Hilfe der Semiotik mit Film und Medien, dies schlägt allmählich auch in die Schule durch. Es könnte sein, dass es in einigen Jahren bzw. Jahrzehnten zwei Fächer gibt, in denen Bilder behandelt werden. Wenn wir die Entwicklung verschlafen, dann können wir ganz schnell im Freizeitbereich landen. Es gibt viele wichtige Beschäftigungsfelder, die in der Schule nicht vorkommen. Auch wenn wir wichtig sind, können wir raus fliegen. Das Musisch-ästhetische kann leicht zur Privatsache erklärt werden, oder von weniger qualifizierten Fachlehrern übernommen werden. In einigen Bundesländern überlegt man zum Beispiel, das Fach Musik aus den Fächerkanon der Schule zu nehmen. Wenn wir nicht aufpassen, werden andere Berufe sich als Lehrer im öffentlichen Ausbildungsbetrieb anmelden, Grafikdesigner, Absolventen von Filmhochschulen, Multimediadesigner ... und damit könnte die Kunst auf ein Mal aus dem Blickfeld und aus dem Bildungskanon verschwinden ...
Marketing
Ein gutes Produkt wird nicht schon deshalb nachgefragt, weil es da ist. Ebenso wichtig ist es, es auf dem Markt bekannt zu machen und die Kunden davon zu überzeugen, dass sie es brauchen. Die Zielgruppe von Ausbildung ist nicht die identisch mit dem Geldgeber, deshalb müssen sich die Marketinganstrengungen in zwei Richtungen hin entwickeln, auf die Schüler einerseits und auf die Gesellschaft, genauer auf die Eltern und die Politik andererseits. Die Argumente müssen so formuliert sein, dass sie sich im allgemeinen politischen Diskurs einsetzen lassen ("Standort", Bildungsauftrag der Schule, Lebensbewältigung). Sie müssen an Argumente anschließen können, die in der Politik verstanden und verwendet werden. Dies sollte angesichts der sog. Bilderflut und der sich daraus ergebenden Probleme eigentlich nicht schwierig sein. Es lässt sich leicht zeigen, dass die Schule in Bayern ihrem Bildungsauftrag in einem wesentlichen Aspekt nicht nachkommt. Die Probleme werden möglicher Weise auch deshalb nicht gesehen, weil den meisten Leuten der Bildergebrauch unproblematisch erscheint.
KONSEQUENZEN FÜR DIE AUSBILDUNG VON BILDLEHRERN
Ich denke, dass die Kunsterzieher grundsätzlich für die kommenden Anforderungen geeignet sind. Allerdings muss die Ausbildung neue Schwerpunkte setzten. Theoretische Auseinandersetzung mit Funktion und Wirkung von Bildern in ihrem medialen und sozialen Kontext. Eine solche Auseinandersetzung muss der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Welt nicht zuwider laufen. In einer medial geprägten Welt steht es jedem Künstler gut an, sich mit diesen Medien, also mit der Realität zu beschäftigen. Meines Wissens gibt es in Bayern kein Institut, das sich mit Bildwissenschaft in dem von mir beschriebenen Zusammenhang beschäftigt. Warum sollte ein solches Institut nicht an der Kunstakademie angesiedelt sein.