"Bildkompetenz in 8 Minuten (pro Woche). 
Ein Notprogramm für Kunsterzieher?" 


Vortrag am 7.11.1999 im Rahmen einer Veranstaltung der LAG Neue Medien 
unter dem organisatorischen Dach der Inter@ktiv 99, München 

 

 

 

Bilder verstehen ist kinderleicht

Die Zeichnung klebt an einer Wand.

Wir verstehen sofort, was gemeint ist, 


 

 

 

 

auch ohne den Kontext - 

 

 

 

 

 

einem Pissoir auf einem Rastplatz in Schweden.

 

Wir deuten das Bild als Abbild (1). Die Figur verweist auf etwas, was es außerhalb des Bildes gibt, bzw. geben kann, bzw. nicht geben soll. Die zeichnerischen Mittel kennen wir aus Comics (2). Das Gemeinte hat allerdings "in echt" niemals diese Turbanform. Trotzdem ist es kein konventionalisiertes Zeichen.
Mit Schlangenlinien weist die ZeichnerIn auf den unsichtbaren Geruch hin, der aufsteigt. Die liegenden Achten erkennen wir mühelos als Fliegen (3). Beide Hinweise unterstützen die Deutung "ein Haufen Scheiße". Obwohl die Bodenlinie fehlt (4), wissen wir, dass der Haufen schwerer als Luft ist. An der Art und Weise wie der rote Balken das Bild durchschneidet, sehen wir, dass das Bild geplant und mit Sorgfalt gezeichnet ist... Während der Haufen, der Geruch und die Fliegen einen dreidimensionalen Raum beschreiben, "liegt" der Balken als quasi-sprachliches Element zweidimensional auf der Bildoberfläche, und damit auf einer anderen symbolischen Ebene.
 

 

Er heißt ungefähr soviel wie "nicht!". Das Rot des Balkens steht für Verbot und Ausrufezeichen. Das Bild "sagt": dies ist kein Scheißhaus. Oder besser: Scheißen verboten! Eine andere mögliche Bedeutung, dass es hier keine Scheiße gibt, schließen wir mit unserem Weltwissen und unserer Erfahrung mit Verbotszeichen aus.(5)

 

Es ist auch keine Gebrauchsanweisung wie dieser Hinweis, den ich darunter gefunden habe. 

Auch dieses Bild ist in seiner semiotischen Konstruktion spannend.(6)

 

 

Doch zurück zu unserem Ausgangsbild

Wir wissen sofort, dass diese Mitteilung ernst gemeint ist, und dass sie nicht von einem vorbeifahrenden Touristen, sondern vom Reinigungspersonal stammt. Diese Zeichnung verstehen 10-Jährige. 

Wir sind bild-kompetent. Was soll man dann über Bilder lernen?

Unterscheidung zwischen Kompetenz und Performanz

Auf unser Beispiel lässt sich eine Unterscheidung aus der Linguistik gut anwenden: Kompetenz und Performanz

Die Kompetenz beschreibt die "sprachliche(n) Fähigkeiten des Muttersprachlers; sein inneres, unreflektiertes Wissen von seiner Sprache; die Kenntnisse des idealen Sprecher-Hörers; internalisiertes System. Zur Kompetenz gehören die Fähigkeiten, beliebig viele Sätze zu bilden und zu verstehen, über die Identität zweier Äußerungen und die Zugehörigkeit eines Ausdrucks zur eigenen Sprache zu entscheiden, über formale Ähnlichkeit, Bedeutungsgleichheit, Mehrdeutigkeit und Abweichungsgrad zu urteilen. ... Die Kompetenz ist ein kognitives und abstraktes System von Wissen und Glauben, das sich in frühester Kindheit entwickelt, dem Verhalten zugrunde liegt und die beobachtbaren Verhaltensweisen determiniert, sich jedoch nicht in direkt-einfacher Weise realisiert."(7) Kompetenz wird von Chomysky mit Intuition gleichgesetzt.
Unter Performanz
versteht man "Das faktische Sprachverhalten, die aktuelle Sprachverwendung, den Gebrauch der Sprache in konkreten Situationen, der jedoch nicht als direkte Widerspiegelung der Kompetenz aufgefasst werden darf, da die natürliche Rede Abweichungen von Regeln, falsche Ansätze, Änderung der Strategie während des Sprechens u.a. zeigt und von außersprachlichen Überzeugungen über den Hörer und die Situation sowie von Prinzipien kognitiven Struktur abhängig ist." (8)

Auf unser Beispiel übertragen heißt Kompetenz, die Fähigkeit, diese Zeichnung zu verstehen und zu beurteilen. Die vorliegende Zeichnung zeugt von der spezifischen Performanz des Zeichners. Interessant wäre eine Untersuchung zur Frage, wie ein Schild wirken würde, das wesentlich professioneller gestaltet ist.(9) 

 

Mein Notprogramm ist wie alle derartigen Programme, die schnellen Erfolg versprechen, einfach und mit wenig Aufwand zu verwirklichen. Es setzt bei der Kompetenz an; denn sie ist die Voraussetzung für die Entwicklung der Performanz.

Dazu müssen wir zuerst wissen, worum es geht.

Ich sage:

"Der Gegenstand des Unterrichts ist die ästhetisch erzeugte Wirklichkeit.", in unserem Zusammenhang genauer "... die durch Bilder erzeugte Wirklichkeit"; es ist also nicht einfach die sichtbare Welt (10). Dieser Satz beschreibt, was wir an sich schon immer machen. Allerdings gehen wir - wie der Name unseres Faches unterstellt - in der Praxis immer davon aus, dass die Kunst unser Gegenstand sei. Dabei ist spätestens seit Duchamp - also seit den sechziger Jahren - klar, dass die Kunst ein derart komplexes Verweisungssystem ist, dass Kinder und Jugendliche es nicht verstehen können. Seither stehen alle Werke der Kunst, auch wenn sie äußerlich traditionellen Werken gleichen, im selben Verweisungszusammenhang wie Installationen und ready mades. Trotzdem gibt es immer noch Autoren, die Bilder von Kindern und Jugendlichen als Kunstwerke (11) bezeichnen. Trotzdem veranlassen viele Kollegen Schüler dazu, Arbeiten herzustellen, die aktuellen Kunstwerken gleichen, ohne sie darüber aufklären zu können, worin der Unterschied zwischen ihren und denen von Künstlern besteht. 
Wenn wir die durch Bilder erzeugte Wirklichkeit in das Zentrum unserer Arbeit stellen, verschieben wir den Schwerpunkt unseres Faches. Es geht nicht mehr um das Bild als solches, sondern um seine Rolle bei der Konstruktion der Wirklichkeit, es geht nicht um die Kunst als solche, sondern um ihre Rolle bei der Erfindung von Wirklichkeiten, es geht nicht um Gestaltung und ihre formale Qualität als solche, sondern um ihren Einfluss auf unsere Wirklichkeit, es geht auch nicht in erster Linie um Kunstgeschichte, sondern um die Geschichte der Bilder (12).

Ich werde nun erläutern, was Wirklichkeit ist, dabei beziehe ich mich auf die Thesen des radikalen Konstruktivismus (13).

Als Organismen leben wir in einem bestimmten Milieu (14). Unser Überleben hängt von unserem Verhalten ab. Damit wir uns richtig verhalten können, brauchen wir eine Vorstellung vom Milieu. Wie sich diese entwickelt, wie die Welt in den Kopf kommt, damit befasst sich die Kognitionswissenschaft.
Unser Nervensystem ist operational geschlossen. Es erfindet auf der Grundlage von Reizungen der Sinneszellen und von eigenem Handeln ein
Modell der Welt. Dieses Modell nennen wir Wirklichkeit.
Ich will das kurz am Beispiel "Sehen" erklären. Gegenstände reflektieren in unterschiedlicher Weise Licht, im Auge entsteht eine Projektion – das
Netzhautbild. Dieses strukturierte Licht stört die einzelnen Sehzellen, diese melden die Störungen an das Gehirn weiter. Die Welt wird dabei in einfache binäre Signale übersetzt. Neurophysiologen können sie als Klick-Klick hörbar machen. Je intensiver ein Reiz ist, desto höher die Frequenz der Signale. Die Qualität geht verloren. Der Gegenstand ist weg. Das Gehirn geht nur in dieser Sprache mit sich um. Es erfindet aus deren Signalen die Wirklichkeit. Alles, was wir sehen, ist das Ergebnis von derartigen Konstruktionen, alle Farben und Formen. Die Bewertung dieser Wirklichkeit geschieht nicht nach Maßstäben der Wahrheit, sondern nach ihrer Tauglichkeit. Die Wirklichkeit entwickelt sich in struktureller Kopplung an das Milieu, in dem der Organismus lebt. Wir haben sie zum einen im Laufe der Evolution entwickelt und von unseren Vorfahren geerbt, zum anderen entwickeln wir im Laufe unseres Lebens eigene "ontogenetische" Modelle, diese sind der Kern unserer Individualität. Dafür interessiert sich unter anderem das Bildungssystem (15).

Die soziale Wirklichkeit ist idealtypisch betrachtet Übereinkunft. Wir finden sie bei der Geburt schon vor und entwickeln uns in ihrem Rahmen. Kommunikationsmedien bestimmen zunehmend die Enkulturation, die klassischen Institutionen wie Familie, Peergroup und Schule verlieren an Einfluss bzw. sind auch von diesen Medien geprägt. In diesen Medien spielen Bilder eine wichtige Rolle. Wenn wir unsere Wirklichkeit verstehen wollen, müssen wir verstehen, wie Bilder funktionieren. Anders gesagt, Bildtheorie ist heute ein wesentlicher Teil der Erkenntnistheorie. Bildkritik ist Erkenntniskritik. Wenn wir den selbst bestimmten und aufgeklärten Staatsbürger nicht aufgeben wollen, muss sich die Schule um die Bilder kümmern (16).

Wenn wir das Bild und die dadurch erzeugte Wirklichkeit zum Gegenstand machen, dann schaffen wir die erste Voraussetzung für Kompetenz, Bewusstsein und Verständnis.

Als Didaktiker frage ich:
Was können und müssen die Schülerinnen und Schüler an dieser Wirklichkeit lernen:

Verstehen: die Wirklichkeit als konstruierte verstehen, verstehen wie die einzelnen Medien funktionieren, wie diese Wirklichkeit aufgebaut ist, um ihr nicht ausgeliefert zu sein. Verstehen, welchen spezifischen Anteil die Bilder an der Wirklichkeit haben und wie sie die Wirklichkeit bestimmen. Ziel ist ein selbstständiger kritischer Mensch, Analyse.

Mit Hilfe von Bildern neue Wirklichkeiten erfinden – Kreation

Mit Hilfe von Bildern die Wirklichkeit beeinflussen – Kommunikation

Alle drei Aspekte machen den Bildunterricht aus.

 

Kunsterziehung als Dienstleistung

Erläuterung:

1. Dreieck:
Gegenstand der Kunsterziehung

2. Dreieck:
was die Schüler können sollen

3. Dreieck
was die Kunsterzieher können sollen

 

 

Als Lehrer treffen wir Entscheidungen auf drei verschiedenen Ebenen:

Was brauchen die Schüler, um mit der Welt zurechtzukommen? Was wird wann warum unterrichtet? Damit beschäftigt sich die Didaktik.

Wie problematisiere ich den Gegenstand, wie bereite ich das Problem auf, welche Hilfen bei der Bewältigung biete ich? Damit beschäftigt sich dieMethodik

Wie entscheide ich in der konkreten Unterrichtssituation?

Auf allen drei Ebenen hilft uns der Leitsatz:
Gegenstand des Unterrichts ist die durch Bilder erzeugte Wirklichkeit (17).

Lernen im konstruktivistischen Sinne:

Das Leben ist oft lebensgefährlich. Deshalb experimentieren wir ungern mutwillig mit unseren Wirklichkeitsmodellen herum. Erst wenn wir falsche Vorausannahmen machen und unser Wirklichkeitsmodell nicht mehr richtig passt, sind wir bereit, ein neues Modell zu entwickeln bzw. es zu erweitern. Diesen Vorgang nennen wir im nachhinein Lernen. Das Lernen ist begleitet von Konzentration, Wachheit und Bewusstheit. Wir sind bei der Sache. Mit der Zeit wird uns das neue Verhalten zur Routine – bis wir es wie im Schlaf können.
Unterrichten bedeutet, Situationen zu erfinden, in denen die bisherigen Wirklichkeitskonstruktionen gestört und so Neukonstruktionen provoziert
werden. Der Lehrer muss entsprechende Stolpersteine anbieten, bzw. die Schüler damit konfrontieren. Der Lehrer kann das Wissen nicht übermitteln wie eine Telefonleitung die Signale von der Sprechmuschel zur Hörmuschel, der Schüler muss das Wissen selbst erzeugen (18)... 
Was
zunächst als Mangel erscheint, ist für unser Notprogramm ein großer Vorteil. Denn wir können Lernstolperstellen erfinden, ohne genau wissen zu müssen, in welche Richtung die Schüler fallen... sollen.
Die einfachsten Stolperstellen sind Fragen.

In 8 Minuten pro Woche

Mit Bildern gehen wir von klein auf um. Bilder – fotografische zumal - entschlüsseln wir problemlos, sie ähneln unseren Netzhautbildern. Das Bild als solches fällt uns kaum auf, deshalb fallen wir sofort auf den Inhalt herein. Wenn wir Bilder als solche verstehen wollen, müssen wir sie uns fremd machen. Uns so stellen, als wenn wir sie zum erstenmal sehen würden.
Als Lehrer lernt man sehr schnell, dass es eines der Gesetze höherer Schulen ist, rechtzeitig mit der Stunde fertig zu werden. Für den Kunsterzieher ist es besonders wichtig, richtig abzuschätzen, wann die Schüler mit dem Aufräumen beginnen sollen. Sind die Schüler zu früh fertig, heißt es gleich,
man nütze die Zeit nicht richtig, werden sie nicht fertig, muss man selbst die Tische abwischen und die Materialien wegräumen.

Mein Notprogramm sieht vor, immer ca. 10 Minuten früher aufräumen zulassen. In den verbleibenden (durchschnittlich acht) Minuten wird ein Bild gezeigt und darüber gesprochen. Die Bilder brauchen dabei weder genau definiert noch in ihrem Wesen erschöpfend behandelt werden– ein Bild ist, was Menschen als Bild bezeichnen. In meiner Forschung gehe ich von einem allgemeinen Bildbegriff aus, ich frage danach, wie wir Bilder verwenden, wie wir mit ihnen umgehen. Ich versuche sie nicht vorrangig von ihrem Wesen her zu verstehen, sondern von ihrem Gebrauch. Über diese Fragen kann man mit Menschen jeden Alters reden. Es geht um die Bilder, mit denen wir es laufend zu tun haben, um die, für die wir uns interessieren und um die, die wir übersehen. Es interessieren vor allem die Fragen der Schüler. Die Schüler sollen mit offenen Augen durch die Welt der Bilder gehen.
Es besteht keine Gefahr, dass das Bild in den wenigen Minuten erschöpfend behandelt wird, es wird nicht "überinterpretiert". Es wird nicht erledigt
und abgehackt. Die abgeschlossene Unterrichtsstunde bzw. Unterrichtseinheit, die wir in unseren Lehrproben mehr oder weniger erfolgreich angestrebt haben, ist ein Missverständnis. Sie erzeugt nämlich das Gefühl, der Gegenstand sei erschöpfend erklärt und damit erledigt.
Zur Unterstützung führen die Schüler ein "Bilderbuch", in das sie jede Woche ein Bild kleben und dazu einen oder zwei Sätze schreiben. Fragen
oder Beobachtungen ...
So wird nicht die gesamte Unterrichtszeit auf die Analyse von Bildern verwendet. Es bleibt Zeit für andere Stolpersteine und andere
Lernsituationen. Das Fach behält seinen bewährten "Praxis-Charakter". Die Praxis erhält allerdings ein anderes Gewicht, wenn die Kunsterzieher auch bei den übrigen Aufgabenstellungen die Wirklichkeit und die Bedingungen, unter denen sie konstruiert wird, im Auge behalten.

Bei meinem Notprogramm gehe ich davon aus, dass schon viel gewonnen ist, wenn das Bild zum Problem wird. Vielleicht werden ja einige unserer Schülerinnen und Schüler die große Bildforscher der Zukunft.

Zunächst - und damit können wir sofort anfangen – müssen wir uns selbst sagen, dass wir zuständig sind für die Wirklichkeit, die durch Bilder erzeugt wird. Dann sehen wir die Welt und die Bilder in ihr anders, wir finden neue Fragen. Und damit neue Antworten.

Im Anhang möchte ich Ihnen noch einige Bildverwendungszusammenhänge zeigen, mit denen wir uns letztes Wintersemester in Paderborn beschäftigt haben.
Um die Bedeutung der Bilder klar zu machen, haben wir mit folgender Übung begonnen:
Ich habe die Studierenden aufgefordert, ein Foto ihrer
Mutter mitzubringen. Von diesen Fotografien wurden Kopien gezogen und an die jeweiligen Töchter und Söhne ausgeteilt. Jetzt holen alle ihre Kugelschreiber heraus, drücken hinten drauf, damit vorne die Minenspitze herauskommt. Mit dieser Spitze sollen sie den Fotokopien die Augen ausstechen ...

  • Wo Gegenstand und Abbild eins sind – Bilder als Mittel der Magie
  • Was unsere Nerven kitzelt – Bilder als Erlebnishintergründe
  • Wohin die Träume gehen – Bilder als Motoren für Traum, Imagination und Fantasie
  • Was wirklich ist – Bilder als Beweismittel
  • Wo ich zu Hause bin, wer ich bin, Familienalbum, Ahnengalerie... Bilder als Repräsentation und Schmuck
  • Was wir nicht vergessen dürfen – Bilder als Gedächtnisstützen
  • Wo oben und unten ist – Bilder als soziale Orientierungshilfen
  • Was ich verstehen will, was ich nicht sehen kann – Bilder als Erkenntnismittel
  • Was wir nicht haben können – Spielzeug, Marmorierung und andere Simulationen
  • Was alles möglich ist – Bilder in der Kunst
  • Aggressionen – Bildersturm und andere Gewalttaten mit und an Bildern

 

1) Diese Deutung legt uns vermutlich der Bildtyp nahe, auf den sich der Zeichner bezieht. Verbotsschilder, auf denen ein einfacher Gegenstand
gezeichnet und durch einen roten Balken durchgestrichen ist (z.B. "Rauchen verboten"). Allerdings sind diese Zeichen in der Regel rund.
2) Den Gegenstand vermutlich auch, denn in der Regel verschwinden unsere Exkremente ungesehen im Wasser der Toilette auf "Nimmerwiedersehen". 
3) Sind sie ein Hinweis auf die warme Jahreszeit? ... wir verstehen mühelos, dass das Schild auch in der winterlichen, fliegenfreien Zeit gilt. 
4) Bei den Verbotsschildern fehlt sie in der Regel auch. Der Gegenstand taucht so quasi wie ein singuläres Wort auf, er hat keinen konkreten Ort, soll ihn in unserem Fall auch nicht haben. Denn das Verbotsschild will ja gerade erreichen, dass es das was auf dem Bild abgebildet ist, das, auf das das Bild verweist, nicht geben soll. 
5) Kommunikation bedeutet nach R. Keller, jemanden mit Hilfe von Zeichen zu einem bestimmten Verhalten zu bringen. Der Zeichner dieses Bildes hat sich für das Verbot entschieden. Wie angedeutet wäre auch eine Gebrauchsanweisung möglich gewesen. Interessant ist die Frage, ob man mit Bildern auch bitten kann - macht die Werbung das? 
6) Die Aufforderung bedeutet: Spülen der Toilette durch Drücken des roten Knopfes. Gezeigt wird dies mit der Seitenansicht einer Toilettenschüssel, die nicht in diesem Raum ist und die auch nicht gespült werden soll. Sie ist auch nicht "ordnungsgemäß" an ein Abwassersystem angeschlossen – das Wasser strömt frei heraus. "Spülen" wird gezeigt durch eine zu große Hand, die am Knopf der Spülung zieht. In dieser Kombination können wir "Ziehen" als "Drücken" verstehen. Wobei nicht verwundert, dass viele der Benutzer das Zeichen nicht richtig deuten, und die Toilettenschüssel wohl als Hinweis für die Funktion der Einrichtung nehmen und es deshalb des handgezeichneten Schildes bedarf.
7) Th. Lewandowski, Linguistisches Wörterbuch, Heidelberg 1973, S.336
8) Th. Lewandowski, Linguistisches Wörterbuch, Heidelberg 1973, S. 476 
9) Ein möglicher drucktechnisch hergestellter Aufkleber ist weniger persönlich und würde mit auf eine dahinterstehende Institution schließen lassen. Dabei kann man sich die Frage stellen, ob diese Zeichnung nicht eine Bitte darstellt. Kann man mit Bildern bitten?
10) Wenn es um die sichtbare Welt als solche geht, dann immer auf dem Hintergrund der Bilder. Bilder beeinflussen unsere Weltsicht, sie geben der Wahrnehmung Bedeutung. 
11) Die Missverständnisse ergeben sich möglicherweise aus gewissen Ähnlichkeiten zwischen den Arbeitsweisen moderner Künstler und den Arbeiten in der Schule. Die Schüler machen ihre Bilder in der Regel alleine, es wird versucht, sie zum individuellen Arbeiten zu bewegen, sie sollen in den
Bildern ihre persönliches Verhältnis zur Welt zum Ausdruck bringen... Alle diese Forderungen stellen sich spätestens seit der Romantik auch dem Künstler. Zudem traut man den Kindern den sog. unverstellten Blick auf die Welt zu. 
12) Die Kunstgeschichte interessiert sich für das einzigartige Meisterwerk, das uns als Grundlage für allgemeine existentielle Erkenntnisse dient. Dies gelingt, weil wir das Kunstwerk als außerhalb der Zeit stehend betrachten. 
13) Literaturempfehlung für den Einstieg: S.J. Schmidt (Hg.), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt (Suhrkamp) 1987, ders.(Hg.),
Kognition und Gesellschaft, Frankfurt (Suhrkamp) 1992 
14) Der Begriff stammt in dieser Verwendung von Maturana/Varela: Das Milieu ist die Welt, zu der wir keinen direkten Zugang haben, als Umwelt bezeichnen sie das Modell, das wir in Bezug auf das Milieu entwickelt haben.
15) Für die Gestaltung der phylogenetischen Wirklichkeit interessieren sich zunehmend Gentechniker und Eltern, die ihren zukünftigen Kindern
Vorteile verschaffen wollen. 
16) Gegen einen Bildunterricht wird gerne angeführt, dass die modernen Medien hybride Formen seien und ein Bildunterricht deshalb immer zu kurz springt. Dennoch ist es nötig, wenn wir die Welt verstehen wollen, Komplexität zu reduzieren, ohne zu glauben, die Welt sei diese Reduktion. 
17) Eine weitere Maxime muss lauten, handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen können. 
18) Der Lehrer kann lediglich versuchen diese Konstruktion zu beeinflussen, durch Kommunikation oder eben durch Inszenierung